Gedanken zur Genetik der Schecken-Wellensittiche

  

Seit dem Auftreten der ersten gescheckten Wellensittiche und seit dem Streben nach Schönheit ist die Frage nach den Erbgängen der gescheckten Wellensittiche nicht sicher geklärt.

Drei Scheckentypen sind bekannt, die sich nach ihrem Äußeren sicher zuordnen lassen:

1.             Dänische Schecken (Rezessive Schecken), 

2.             Australische Schecken (dominant),

3.      Kontinentale Schecken (dominant).

Schecken entstehen, wenn die Melanine (Dunkelfarbstoffe) nicht wie beim Wildtyp gebildet werden. Dieser Ausfall der Melanine kann auf drei verschiedenen Wegen auftreten.

1.             Die Genetik läßt nicht zu, daß aus der Aminosäure Tyrosin über die verschiedenen Zwischenstufen der Grundbaustein für das Melanin entsteht; 
Diese Form finden wir bei den Inos. Der Totalausfall aller Melanine führt auch zum Wegfall im Augenhintergrund. Daher haben Inos rötliche Augen.

2.             Eine der 3 (oder 4) Melaninformen wird nicht ausgebildet. Wir kennen Phaeomelanin und Eumelanin, die sich in ihrer Farbtiefe unterscheiden. Zeigt ein Wellensittich überwiegend Phaeomelanin, dann haben wir den Falben vor uns. Da auch hier die Entstehung des Melanins beeinflußt ist, hat auch diese Mutante ein rötlich schimmerndes Auge.

3.             Fällt dagegen nur an verschiedenen Körperstellen das Melanin aus, haben wir eine der Scheckenformen vor uns. Hier wird nicht die Bildung des Melanins beeinflußt, sondern deren Ablagerung in den Federn.

Wenn die erste Form als Totalausfall und die zweite als Teilausfall charakterisiert werden kann (= Verdünnung), bezeichnet man den dritten Fall als Aufhellung.

Ich möchte nun kurz den Werdegang der Färbung einer Wellensittichfeder darstellen. Dafür gehen wir auf die Entwicklung des Vogels im Ei zurück.

Sehr früh läßt sich die Dreiteilung der Keimscheibe in Ekto-, Meso- und Entoderm feststellen (siehe Zeichnung). Die :Zellen, in denen Melanin gebildet wird, heißen Melanozyten und stammen genau wie Nervenzellen aus dem Mesoderm. Während der Embryonalentwicklung wandern sie ins Ektoderm, um dort später die Melaninkörner an die wachsende Feder abzugeben. Dieser Wandervorgang erstreckt sich über einen größeren Zeitraum. Wenn nun einige dieser Melanozyten „zu spät“ kommen, bekommen sie keinen Kontakt zu den Wachstumszonen der Feder. Also bilden sie zwar Melanin, dies gelangt aber nicht in die Feder, diese Feder bleibt melaninfrei, verschiedene Körperteile werden aufgehellt.

Bis hierhin fehlt der praktische Bezug zur gesteuerten Schau-Wellensittichzucht. Der Züchter möchte durch Auslese ein eng umgrenztes Standardbild erreichen.

Bei vielen Farben läßt sich dies auch erreichen, wenn z. B. mehrere Gene beteiligt sind. So ist z. B. die Grundfarbe die eine, die Federtextur eine weitere und die Farbmenge eine dritte Komponente. Zusammen ergeben sie die Farbe, die wir uns wünschen. Überlagert wird aber alles oft von dem, was man die Variationsbreite eines Merkmals nennt. Und nirgendwo kommt die Variationsbreite so stark hervor wie bei den Scheckenformen. Die züchterische Selektion schafft es leider nicht, genau gleiche Schecken in größerem Ausmaß zu züchten. Allerdings ist durch Auslese die grobe Aufteilung in hellere und dunklere Schecken möglich.

Manch ein Autor nimmt hierfür „gleichgesinnt wirkende Gene“ (Schulz, BUDGERIGAR WORLD Nr. 57, Mai 1995, S. 8) an. Die ersten Überlegungen hierzu finden wir bereits bei Duncker (1927), der die Scheckung beim Kanarienvogel mit 3 Genpaaren erklärte. Neuere Überlegungen und Auswertungen verschiedener Zuchten deuten aber darauf hin, daß Duncker nicht den wahren Sachverhalt getroffen hat.

Eine plausiblere Erklärung liegt im Werdegang des Vogels! Rufen wir uns noch einmal ins Gedächtnis, daß bei der Entwicklung im Ei einige Melanozyten „zu spät“ ankommen können (siehe oben). Da sich hier wenige Augenblicke entscheidend auswirken, haben wir eine Vielzahl abgestuft gezeichneter Schecken zu erwarten, aber keinerlei Chance zur Selektion! Wir müssen uns also damit abfinden, daß die Hell-Dunkel-Verteilung der Schecken rein dem Zufall überlassen bleibt.

Die drei Keimschichten (früheste Entwicklung im Ei);    A: Ektoderm;    B: Mesoderm;   C: Entoderm

Als logische Konsequenz hat man schon vor Jahren die ehemals eng gefaßten Standardanforderungen an Schecken gelockert und der züchterischen Möglichkeit angepaßt.

Was aber züchterisch zu beeinflussen ist, ist der Farbkontrast zwischen den hellen und den dunklen Gefiederpartien. Hier gewinnt ein Schecke durch hohen Kontrast am ehesten an Ausstrahlung, wie die dunkelfaktorigen beweisen.

Ein wesentlicher Punkt ist auch, daß z. B. unsere Australischen Schecken nur einfaktorig sind, die reinerbigen, also doppelfaktorigen, sind bekanntlich die schlechten Schauvögel. Mischerbigkeit aber ist immer großen Variationen unterworfen. Diesen Aspekt aber möchte ich in einem der nächsten Berichte im Zusammenhang mit anderen Grundfragen der Vererbungslehre näher erläutern.

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