Die Melaninversorgung der Federn
Melanin ist einer der wichtigsten Stoffe, die das Aussehen der Vogelarten beeinflussen. Das Melanin ist für die dunklen Farb- und Zeichnungsmerkmale verantwortlich, so auch für die Wellenzeichnung des Wellensittichs.
Neben diesem Farbstoff ist aber auch noch eine carotinähnliche Substanz beteiligt, die aber in diesem Artikel nur soweit erwähnt wird, wie sie für das zusammenhängende Verständnis der Färbung einer Vogelfeder wichtig ist. Das gleiche gilt auch für den optischen Blaufaktor. Dies ist im Gegensatz zu den beiden erstgenannten keine stofflich bedingte farbgebende Sache, sondern beruht nur auf dem Lufteinschluß innerhalb der Feder. An diesen Luftzellen wird das auffallende Licht gebrochen und anschließend wieder reflektiert, so daß die Feder für unser Auge blau erscheint.
Somit können wir drei unterschiedliche Farbstrukturen unterscheiden:
Melanine; sie sind Abkömmlinge von Aminosäuren und somit als körpereigene Stoffe charakterisiert.
Carotinoide; sie kommen aus dem Pflanzenreich und können vom Tier, somit auch vom Vogel, nicht eigenständig produziert werden und müssen über die pflanzliche Nahrung aufgenommen werden.
Strukturfarben; sei haben keinen stofflichen Charakter, sondern sind rein physikalische Farben.
Im weiteren Verlauf sollen uns allerdings nur die Melanine interessieren.
Melaninentstehung
Die stammesgeschichtlich vermutlich älteste Form der Färbung ist die Melaninfärbung. Melanine entstehen aus der Aminosäure Tyrosin, die über verschiedene Zwischenstufen mit Hilfe des Enzyms Tyrosinase zum einzelnen Molekül Melanin umgewandelt wird. Es werden zwei Formen nach Struktur und Löslichkeit unterschieden,
1. Eumelanin ist stäbchenförmig und nur sehr schwer in Lösung zu bringen.
2. Phaeomelanin ist rundlich geformt, läßt eine weitere Aminosäure, Cystein, als Anhang erkennen und ist leichter löslich.
Beide Formen lassen sich aufgrund der Färbung in jeweils zwei weitere Typen unterscheiden. Das Eumelanin ist entweder schwarz oder dunkelbraun, das Phaeomelanin ist braun oder gelblich. Zwischen den einzelnen Farben gibt es fließende Übergänge, nicht aber zwischen dem Eu- und dem Phaeomelanin!
Die verschiedenen Zeichnungsmuster der Vögel kommen durch die unterschiedliche Menge der vier einzelnen Melanine zustande. Auch die bislang bekannten Farbspielarten des Wellensittichs lassen sich so erklären, daß die einzelnen Melanine entweder mehr oder weniger vorhanden sind oder gar nicht gebildet werden.
Das Melanin, gleich welcher Art oder Farbe, wird in speziellen Zellen, den Melanozyten, gebildet. Diese liegen in der obersten Schicht der Epidermis und meist nahe den Federfollikeln. Dort können sie beim Wachstum der Feder ihre Melaninkörner über lange Fortsätze abgeben. Innerhalb der Feder werden sie als Melaninkörner in den Markzellen abgelagert.
Die Grundlage für jede Melaninzeichnung ist das Molekül Melanin, das durch Polymerisation und Anlagerung von einer weiteren Aminosäure Cystein seine vielfachen Abwandlungen erfährt.
Durch die verschiedenen Mutationen, die beim Wellensittich stattgefunden haben, können wir uns ein recht brauchbares Bild über die gesamten Vorgänge bei der Melaninsynthese und ihren verschiedenen Schritten machen.
In der Anfangszeit der Wellensittichgenetik (Duncker, 1929) glaubte man noch, daß es „Reduktionsfaktoren“ oder „Verdünnungsfaktoren“ gab, die das ursprüngliche Sichtbild eines Vogels abänderten. Heute wissen wir, daß man umgekehrt denken muß: Das Tier benötigt eine Reihe von einzelnen Farbstoff-Synthesen, bis seine volle Farbe und Zeichnung entsteht.
Gerade der Schwarz-Braun-Faktor ist hierfür ein gutes Beispiel. Für die Dunkelfarbe sind zwei unterschiedliche Melaninarten verantwortlich, das rundliche Phaeomelanin und das stäbchenförmige Eumelanin. Auch chemisch sind diese beiden Formen exakt gegeneinander abgrenzbar. Das Phaeomelanin ist durch die Anlagerung der Aminosäure Cystein gekennzeichnet, Eumelanin ist chemisch schwerer aus den Federn zu lösen und verhält sich auch sonst in seinen chemischen und physikalischen Eigenschaften ganz anders als Phaeomelanin.
Dennoch werden in den Melanozyten beide Melaninformen gebildet. Spezielle Enzyme entscheiden, ob aus der Grundsubstanz Phaeo- oder Eumelanin entsteht. Die beiden vollen Melaninfarben schwarz und braun (= zimt) unterscheiden sich darin, daß ein großer Teil des braunen Eumelanins in schwarzes Eumelanin weiterverarbeitet wird.
Melanin und Federtextur
Die biologische Aufgabe des Melanins ist mehrschichtig. Eine der wichtigen ist die Farbe und Zeichnung eines Vogels (oder auch anderen Lebewesens). Farbe und Zeichnung sind u. a. wichtig für
· die Erkennung der Artgenossen
· das Erkennen der Geschlechter
· das Erkennen der Alterszugehörigkeit
Sie erfüllen hiermit einen wichtigen Auftrag im Sozialleben des Wellensittichs
Melanin ist aber auch ein Schutz gegen die starke Sonneneinstrahlung. Wenn wir bedenken, wo der Wellensittich beheimatet ist, erkennen wir, wie notwendig gerade dieser Faktor ist.
Nicht zuletzt ist die Einlagerung von Melanin in der Feder auch ein mechanischer Schutz. Je dunkler das Melanin ist, das eingelagert werden kann, um so härter wird die Feder.
Dies merken wir auch als Züchter. Vergleichen Sie die Federhärte eines Normalvogels mit der eines Zimters oder gar eines Falben. Der Falbe hat fühlbar weichere Federn als der Normale.
Durch geschickte Verpaarungen können wir solche Phänomene ausnutzen. Aber wie können wir dies in der praktischen Zucht verwenden?
Vielfach ist bereits das Vorhandensein eines einzelnen Gens ausreichend, um den gewünschten Effekt zu erreichen. Hierzu ein Beispiel. Da wir ja nun nicht nur noch Zimter in allen Variationen erhalten wollen, der Zimtfaktor bei einigen Rassen auch unerwünscht ist, kann man über den Weg der Spalterbigkeit bereits die weichere Textur der Zimtfeder ausnutzen. Bereits der Spalterbige in zimt gibt die weichere Feder zu erkennen.
Ähnlich verhält es sich auch bei anderen Farben, denken wir doch nur an die vielen Vögel, die die Anlage für Opalin in sich tragen und bereits alleine hierdurch die angestrebten Verbesserungen erzielen.
Diese Form der Qualitätsverbesserung hat sich bereits bei anderen Vogelarten durchgesetzt. Gerade dort, wo die Farbe nur ein untergeordnetes Bewertungskriterium ist, bietet sich diese Form der Züchtungspraxis an. Bei den englischen Positurkanarienrassen wird daher schon von Anfang an mit diesen Farbvarianten jongliert. Erst seitdem man dies auch außerhalb Englands erkannt hat, sind die vor 20 Jahren erwähnten Federprobleme fast gänzlich verschwunden.
Auch beim Wellensittich ist die Farbe nicht das Haupt-Bewertungskriterium. Daher ist die genannte Züchtungsmethode gerade hier hervorragend einzusetzen. Übrigens gibt es bereits eine Anzahl Züchter, die dies auch in der Praxis einsetzen und ihre entsprechenden Erfolge aufweisen.
Beeinflussung der Melaninqualität
Von den Kanarienzüchtern weiß man, daß die Fettfarbe (die auch Carotine genannt werden) durch die Fütterung direkt beeinflußbar ist. Die dem Futter beigemengten Carotine können zum Teil direkt in der Feder abgelagert werden. Ohne eine Carotinfütterung ist übrigens auch keine entsprechende Ausfärbung der Federn möglich, denn kein Tier ist in der Lage, diese Carotine selbst zu bilden.
Mit den Melaninen verhält es sich bekanntlich ganz anders. Sie entstehen aus einer Aminosäure, dem Tyrosin. Der Körper bildet, wie oben beschrieben, über verschiedene Zwischenstufen den Stoff, der als Melanin schließlich in Federn, Haut oder anderen Körperteilen abgelagert werden kann. Dieser gesamte Vorgang ist nicht in der direkten Form wie bei Carotinen beeinflußbar. Vielmehr geht die Beeinflussung nur über eine optimierte Versorgung.
Natürlich kann auch ein „durchschnittlich“ ernährter Wellensittich Melanine bilden. Doch interessieren den Schauzüchter nicht die Durchschnittstiere, sondern nur die Spitzentiere ihrer Zucht. Diese sollen möglichst auch das Optimum ihrer genetischen Veranlagung zeigen, um bei der Bewertung eine gute Chance zu haben. Mit einer durchschnittlichen Versorgung aber kann man nicht Spitzenleistungen erwarten!
Wo aber muß nun die Versorgung optimiert werden? Dies ist zum einen bei der Zusammensetzung der Aminosäuren nötig. Ein guter Züchter versorgt seine Tiere mit einem höherwertigen Eiweiß (Protein), das genau durch die ausgewogene Menge an essentiellen Aminosäuren gekennzeichnet ist. Hiermit ist automatisch die ausreichende Versorgung mit Tyrosin gesichert. Für den Federbau wird ein übriges getan: Erhöhte Gaben von essentiellen Fettsäuren (Lecithin), verbesserte Versorgung mit Kieselerde und erhöhte Versorgung mit Mineralien und Spurenelementen. Hierzu möchte ich auf den Bericht von Theo Vins (AZN 44, 1997, S. 464-476) verweisen, der die einzelnen Mineralien genau benennt, die für die Feder- und Pigmententwicklung mitverantwortlich sind.
In der letzten Zeit hat sich übrigens das Mehl der Roten Seealge als besonders ergiebiger Lieferant gerade für diese mineralischen Bestandteile erwiesen, die die Melaninbildung unterstützen. Diese Rote Seealge ist etwa um das Vierfache ergiebiger als die herkömmlichen Algenarten. Die Ergebnisse der letzten Jahre haben gezeigt, daß zudem auch eine verbesserte Pigmentbildung erfolgt. Sozusagen als „Nebeneffekt“ wird auch die Federtextur verbessert. Leider werden aber auch von verschiedenen Firmen "Kalkalgen" angeboten, die aber alles andere als das Mehl der Roten Seealgen enthalten. Vielfach sind es nur getrocknete Diatomeen, die mancherorts auch den Namen "Kalkalgen" tragen. Diatomeen haben aber all die genannten Wirkungen sicher nicht.
Schluß
Sie sehen, es genügt nicht alleine, sich über einen einzelnen Sachverhalt zu unterhalten. Gerade das Thema der Pigmentierung zeigt, daß meist mehrere Themen eng und untrennbar miteinander verbunden sind. Im vorliegenden Fall sind es Pigmentierung und Federtextur, die sich gegenseitig und wechselseitig beeinflussen.
Gerade diese Beeinflussung erklärt aber auch, weshalb die eine Farbrasse besser im Gefieder wirkt als die andere. Ebenso ist hierdurch zu verstehen, weshalb manche Farbrassen schneller den angestrebten Typ erreichen als andere.
Diese Zusammenhänge ermöglichen es uns Züchtern aber auch, diese Verknüpfungen für unsere Zuchtziele nutzbar zu machen, indem wir gezielt Farben und Zeichnungen miteinander kombinieren, die sich positiv auf die Federtextur auswirken.
Sie in dieser Hinsicht zu sensibilisieren und für die oft sehr feinen Unterschiede empfänglich zu machen, ist das Ziel dieser Abhandlung. Erwarten Sie deshalb keine allumfassende Aufklärung. Die nun schon mehrfach zitierten Wechselbeziehungen machen es fast unmöglich, allgemeingültige Regeln für Federtexturen aufzustellen. Schlüssige Unterschiede können Sie immer nur für Ihre eigene Zuchtanlage finden. Wenn Sie diese aber einmal erarbeitet haben, wird Ihnen die Beurteilung eines Vogels nach seiner Federtextur und hiermit nach seiner züchterischen Qualifikation leichter fallen.
Ich würde mich freuen, wenn Sie alle zu einer weiteren Diskussion über diese für uns Züchter zentrale Thema mithelfen könnten.