Erbgänge beim Farbenkanarienvogel

II: Die Satinetkanarien

Erstmals 1966 traten in einem holländischen Isabellzuchtstamm Weibchen auf, die auch als ausgewachsene Vögel noch erkennbar rote Augen besaßen, dabei aber gleichzeitig noch Melaninzeichnung aufwiesen. Dieses Phänomen ist nur durch einen teilweisen Melaninfortfall zu erklären. Der wildfarbene Kanarienvogel besitzt drei qualitativ verschiedene Melanine: sandgelbe Phaeomelanine, schwarze Eumelanine und braune Eumelanine.

Nun nahm man schon recht früh an, daß diese neue Mutante nur die braunen Eumelanine zeigte, weshalb man sie auch mit dem Namen „Eu-Inos“ belegte. Die Namensfindungskunst aber ließ bald den Namen „Satinet“ erscheinen, denn Kanarien dieser Mutante hatten ein Gefieder, das beim Anfassen Assoziationen zum Seidenstoff erzeugte. Heute ist nur noch der Name „Satinet“ gebräuchlich. Durch den Fortfall der Phaeo- und schwarzen Eumelanine besitzt der Vogel so wenig Melanine auf der Netzhaut, daß die Farbe des roten Blutes durch das Auge schimmern kann und Satinets somit rote Augen besitzen. Satinet ist die zweite Mutation (neben Phaeo), die rote Augen besitzt und dennoch Melaninzeichnung aufweist. Satinet gehört somit nicht zu den albinotischen Formen.

Das Sichtbild der Satinets ist abhängig von der Melaninrasse, zu der sie gehören, denn der Faktor für Satinet ist zu keinem der bisher bekannten Melaninfaktoren allel (zusammengehörige Erbanlagen eines Chromosomenpaares), kann also mit allen anderen Melaninfaktoren kombiniert werden (was aber nicht immer sinnvoll ist! siehe unten). Grob kann man die Satinets in zwei Gruppen einteilen:

a)             Satinets der Schwarzreihe, einschließlich der Verdünnten (= achat)

b)             Satinets der Braunreihe, einschließlich der Verdünnten (= isabell).

 

Zu a): Satinets der Schwarzreihe besitzen so wenig Melanin, daß nur unter ganz besonders günstigen Umständen eine, wenn auch schwache Zeichnung zu erkennen ist.  Im Normalfall gleichen Schwarz- und Achatsatinets im Sichtbild den Aufgehellten, nur haben sie im Gegensatz zu den Aufgehellten noch (oft schlecht zu erkennen) Melanin im Untergefieder, weshalb sie genetisch zu den Melaninvögeln zählen müssen.

 

Zu b): Satinets der Braunreihe und deren Verdünnte, also Isabellen, haben die gleiche Zeichnungsanordnung wie auch die klassischen Melaninrassen (schwarz, achat, braun, lsabell). Die Farbe des Melanins ist gräulich-braun. Die Strichelung ist etwas dünner als bei Braunvögeln und im Gegensatz zu diesen bei beiden Spielarten unterbrochen. Das Großgefieder ist bis auf einen weißlichen Rand ebenfalls melanindurchsetzt, ebenso wie die Strichelung gräulich-braun gefärbt. Der Unterschied zwischen den Braunsatinets und den Isabellsatinets ist sehr gering und nur bei eindeutigen Exemplaren einigermaßen sicher zu bestimmen, am besten gelingt es, dies durch Kontrollverpaarungen nachzuweisen.

Alle Satinets haben helle Hornteile, das Untergefieder ist hellgraubraun gefärbt.

 

Die Vererbungsweise des Faktors für „Satinet“ war sehr leicht zu erforschen, denn schon der Umstand, daß die ersten Vögel dieser Mutation Weibchen waren, gab Hinweise darauf, daß das Gen für „Satinet“ in den X-Chromosomen liegen mußte. Diese Annahme bestätigte sich sehr bald. In Ermangelung eines Symbols für das Gen „Satinet" möchte ich hier einführend die Buchstabenkombination „Eb“ benutzen. Da Satinet gegenüber der klassischen Melaninzeichnung geschlechtsgebunden rezessiv vererbt, gibt es folgende Kombinationsmöglichkeiten:

Hähne:

EbEb - normal-klassisches Melanin.

Ebeb - normal-klassisches Melanin, aber spalterbig in Satinet.

ebeb - satinet, wobei das Aussehen abhängig von der Farbgruppe ist (siehe oben).

 

Weibchen:

Eb - normal-klassisches Melanin

eb - satinet.

 

Mit der Benutzung des Symbols Eb" wird zweierlei ausgedrückt:

-   „eb“ steht als Abkürzung für „der Vogel zeigt nur noch Eumelanin in braun“

-   „eb“ ist rezessiv gegenüber „Eb“

 

Zur besseren Anschauung habe ich das folgende Vererbungsschema beigefügt. Hier kann allerdings nicht (wie z. B. bei phaeo) der Hahn mit der Henne ausgetauscht werden, da es sich ja um einen Faktor handelt, der seinen Sitz in den X-Chromosomen hat, die beim Hahn doppelt, bei der Henne aber nur einmal vorliegen.

 

 

Diese vorausgehenden Zeilen sind 1979 entstanden, bevor man den lange Zeit vernachlässigten Effekt multipler Allelie beim Kanarienvogel erkannte.

Heute müssen wir davon ausgehen, daß 'Verdünnung' uind 'satinet' zwei Ausprägestufen desselben Genortes sind. Somit ist folgerichtig eine Kombination mit den verdünnten Melaningruppen achat und isabell nicht möglich. Hierzu bitte ich den Leser auch, die Ausführungen über die Neue Genetik zu lesen.

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