Ist Pellet-Futter für Vögel geeignet?

English Translation  here: 

Seit einigen Jahren schwappt eine regelrechte Welle über die Tierhalter und die Vogelhalter speziell, in deren Bereich eine Vielzahl von „künstlicher Nahrung“ angeboten wird. Die Darreichungsformen und damit die Herstellmethoden sind besonders vielfältig.

An dieser Stelle möchte ich betonen, daß mein Beitrag nur auf die Fütterung von Vögeln eingehen wird, weil hier Besonderheiten vorliegen, die weder in der Pferde- noch in der Nagerhaltung relevant sind.

Wenden wir uns den unterschiedlichen Herstellverfahren zu.

Da ist zum einen die Verpressung von Rohstoffen unter Zuhilfenahme eines geringen Anteils an Preßhilfsmitteln. Zum anderen ist dort die Verpressung und Verklebung von Rohstoffen unter Zuhilfenahme hohen Drucks.

 

Pellets

Auch bei der Herstellung von Pellets gibt es noch unterschiedliche Verfahren. Diese Unterschiede beruhen zum einen in der verwendeten Prozeßtemperatur und zum anderen im Einsatz der unterschiedlichen Preßhilfsmittel. Auf die unterschiedliche Qualität der Rohstoffe möchte ich nicht gesondert eingehen, da dies den Rahmen der obigen Fragestellung weit sprengen würde.

Eine Vielzahl der Preßhilfsmittel ist nach der FMV zulässig. Ihr Einsatz hängt weitgehend von den Anforderungen an das Endprodukt und den eingesetzten Stoffen ab. Ebenso beeinflußt der nächste Faktor, die Wärme, die Wahl der Hilfsmittel.

Dem Preßvorgang geht die Vermahlung der Rohstoffe und die homogene Vermischung derselben voraus. Das Gemisch wird dann der Pelletpresse zugeführt. und im Regelfall bei Temperaturen zwischen 70° und 90° C und hohem mechanischem Druck zu Pellets geformt. Ausnahme ist ein Hersteller, der durch besondere Verfahrensweisen seine Prozeßtemperatur auf unter 40° C absenken kann. Hierfür ist die Festigkeit der Pellets etwas geringer als bei den höheren Temperaturen. Die verwendete Temperatur kann man auch leicht an der Oberflächenstruktur dieser Pellets erkennen: Sind die hochtemperaturigen meist glatt und leicht glänzend (=„speckig“), so sind die niedertemperaturigen rauh und „bröselig“.

Nach der Austrocknung und Erkaltung sind diese Pellets weiterverarbeitbar.

Eine vereinfachte Form der Pelletherstellung macht sich das Verhalten des „Klebers“ in den unterschiedlichen Getreidesorten zunutze. Die Mehle werden als einfache Trägersubstanz betrachtet und mit den entsprechenden Wirkstoffen wie Vitamine, Proteine und Mineralien aufgewertet.

 

Extrudate

Das Extrusionsverfahren baut auf ein Verhalten der Stärke, die bei Hitzeeinwirkung quillt und ebenso verkleistert wie die „Getreidekleber“. Hierzu ist ebenfalls notwendig, daß alle Rohstoffe vermahlen und zu einem einheitlichen Brei vermischt werden.

Unter besonders hohem Druck und Temperaturen zwischen 120° -180° C wird dieser Brei verdichtet und zusätzlich durch diesen Druck weiter erhitzt. Gepreßt durch eine Matrize „explodiert“ das Formstück und muß schließlich noch getrocknet und heruntergekühlt werden.

 

Die Anforderungen

Was nun muß in einem solchen Futterbrocken sein, damit er an die Vögel verfüttert werden kann?

Natürlich müssen alle Nährstoffe und alle Wirkstoffe wie in einem unbehandelten Futter und somit wie in der natürlicherweise aufgenommenen Nahrung in jeweils für die Art oder Nahrungstypen-Gruppe ausgewogenen Mengen vorhanden sein.

Hieraus ergibt sich, daß entweder diese Wirkstoffe vorab in der vermahlenen Mischung vorhanden sein oder zugefügt werden müssen oder aber durch geeignete Verfahren nach der „Gestaltung“ aufgetragen werden müssen.

Und genau hier ist der erste Schwachpunkt zu finden. Viele Vitamine und einige essentielle Aminosäuren werden sowohl durch höhere Temperaturen als auch durch mechanischen Druck stark beschädigt und verlieren somit ihre Wirkkraft. Hiermit hat das „Niedertemperaturverfahren“ den ersten und entscheidenden Vorteil! Temperaturen unter 40° C sind sogar noch unterhalb der normalen Körpertemperatur der Vögel. Die Zerstörung dieser empfindlichen Wirkstoffe ist also ausgeschlossen und auf einen unbedeutenden Prozentsatz durch die Schärkräfte beim Druck zu reduzieren.

Dieses Angreifen der Wirksubstanzen trifft auf die Extrudate mit ihren hohen Temperaturen um so mehr zu. Man kann davon ausgehen, daß hierbei sogar alle Vitamine zerstört werden. Dafür allerdings wird der Kohlehydratanteil deutlich besser, da er aufgeschlossen und somit effizienter nutzbar gemacht wird.

Um aber auch dem Extrudat genügend Wirksubstanzen beimengen zu können, wird es nach dem Pressen mit Vitaminen etc. besprüht. Mit dem Trocknen verteilen sich die Wirksubstanzen auf einen geringen dünnen Mantel um das Extrudat. Neue Verfahren unter Vakuum sollen allerdings noch einiges mehr einziehen, so daß sich die Vitamine und anderen Stoffe auf einen Mantel von ca. 1 mm verteilen.

 

Die praktische Anwendung

Bis auf einen einzigen Hersteller versuchen nun alle, ihre Korrels und Pellets als „Alleinfuttermittel“ anzupreisen.

Dies hat vordergründig den Vorzug, daß ja „alles darin“ ist und der Vogel nicht wie bei Körnermischfutter selektiv fressen kann. Hypothetisch sollen diese so ernährten Vögel ausgewogener und umfassender ernährt sein. Was aber passiert wirklich?

Die meisten von uns gehaltenen Vogelarten gehören als Samenfresser zu der Gruppe der „schälenden“ Zunft. Hierbei wird durch entsprechende Schnabelbewegungen das Korn von der ihm umgebenden Schale getrennt. Die Schale wird verworfen und der eigentliche Samenkern wird verschluckt. Die Schale und all ihre Inhaltsstoffe sind demnach für die Nahrungsversorgung verloren. Alle Papageienarten (hierzu gehört auch der Wellensittich und der Nymphensittich) und die kleinen Finkenartigen (Kanarienvogel und seine Verwandten; Zebrafink und die Verwandten) trennen auf diese Art fein säuberlich die Schale vom Samenkern.

Genau das machen diese Vogelarten auch mit dem Pellet! Sie schälen es. Damit aber entfernen sie den größten Teil der lebenswichtigen Wirkstoffe. Diese liegen als feines Mehl auf dem Boden und sind ebenfalls für die Versorgung der Vögel verloren!

Natürlich trifft dies nur für die Extrudate zu und für diejenigen Pellets, die bei hohen Prozeßtemperaturen hergestellt wurden. Bei den Niedertemperaturpellets sind ja (siehe oben) die Wirkstoffe vom Herstellungsprozeß nicht angegriffen.

 

Vogelhalters Resümee

Spätestens hier erkennen wir, daß die Frage nach Pelletfütterung beim Vogel nicht einfach mit „ja“ oder „nein“ zu beantworten ist. Schließlich gehören viele einzelne Fakten zur sachlichen und korrekten Beurteilung. So ist bei Hühnervögeln und Taubenartigen, Arten also, die ihre Körnernahrung als Ganzes herunterschlucken, unwesentlich, an welcher Stelle des Pellets die Wirkstoffe sitzen.

Auch ist erheblich, ob es sich um ein Ergänzungsfutter oder um ein Alleinfutter handelt. Alleinfuttermittel suggerieren, daß sie als einziges alle Nahrungsbedürfnisse des Tieres befriedigen. Dies ist zwar in keinem Fall gewährleistet, ist aber für unsere heutige Überlegung unwesentlich. Für Ergänzungsfuttermittel hingegen kommt es auf die vorgegebene Versorgungslücke an, die dieses Futtermittel schließen soll. Hinzu kommt, daß Ergänzungsfuttermittel in wesentlich geringeren Mengen als die Alleinfutter aufgenommen werden.

Auch ist der Organismus der Vögel nicht unbedingt auf die Verarbeitung so weicher Nahrung ausgerichtet. im Normalfall muß der Muskelmagen und der restliche Verdauungstrakt ganz schön schaffen, um die Nahrungsbestandteile so aufzubereiten, daß die einzelnen Wirkstoffe hieraus gewonnen und für den Vogelkörper nutzbar gemacht werden können.

Was aber ist noch wichtiger ist, wird nicht durch die Inhaltsstoffe und ähnliche Dinge bestimmt. Es ist der Geschmack oder besser gesagt, das tägliche Einerlei in der Fütterung von Pellets als Alleinfutter.

Besonders Papageien leiden hierunter stark. Stellen Sie sich das Leben der Papageien im unseren Wohnstuben doch einmal aus deren Sicht vor: Schon die Umgebung ist recht eintönig, es gibt keine größeren Bezugspunkte, an denen sich der Intellekt der Papageien entwickeln könnte. Oft ist auch die Zeit, in der man sich mit dem Tier beschäftigt weit unterhalb derjenigen, die ein solches intelligentes Tier bräuchte um nicht zu verkümmern. Und dann nimmt man solchen Tieren auch noch sämtliche geschmacklichen Reize, die eine eventuelle Abwechslung bedeuten könnten. Diese Vögel müssen ja förmlich verblöden und zum Rupfen getrieben werden!

Und so kommen wir zu dem Schluß, daß pelletiertes und extrudiertes Futter als Alleinfutter für unsere Stubenvögel das schlechteste ist, was man ihnen antun kann:

Es kann zu krankhaften Veränderungen der Verdauungsorgane führen (wie bereits in amerikanischen Studien nachgewiesen);

Je nach Machart sind zwar die einzelnen Wirkstoffe im Futter enthalten, können aber durch das Schälverhalten nicht in den Vogelkörper hineingelangen. Die Folge ist eine permanente Unterversorgung mit lebenswichtigen Nährstoffen;

Reizverarmung führt zu Verhaltensstörungen gerade bei Papageien. Einheitliches Futter ohne Wahlmöglichkeit erhöht die Fälle an Rupfern.

Alle drei Punkte führen somit eindeutig zur Ablehnung des pelletierten Alleinfutters. Genau betrachtet sind sie sogar deutliche Beweise dafür, daß derartiges Alleinfutter als tierschutzwidrig einzustufen ist. Immerhin können einige Organe durch Pelletfütterung krankhaft verändert werden oder sind zumindest zu ihrer naturgemäßen Funktion nicht mehr in der Lage.

Zuallerletzt gestatten Sie mir noch ein (wenn auch umstrittenes) Wort: Niemand würde ohne Grund tagein tagaus dieselbe Nahrung zu sich nehmen, wenn er nicht hierzu gezwungen würde. Wollen wir dies trotzdem unseren Schützlingen zumuten?

 

 

 

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