Seit der Entstehung und dem Auftreten der ersten Kanarien, die den Mosaik-Faktor trugen, vermutet man, daß seine Herkunft mit der Einkreuzung des Kapuzenzeisigs in Zusammenhang steht. Gerade auch Henniger (1963) und Klein (1963) vertreten diese Theorie, doch auch verschiedene Autoren des Auslands (Veerkamp, 1967) hängen dieser Auffassung nach.
Wenn man jedoch einmal neutral die verschiedenen Fakten betrachtet und hierbei vor allem die beiden Ursprungsarten (Serinus canaria und Spinus cucullatus) einbezieht, kommen berechtigte Zweifel, ob unsere Vorfahren die Sachlage richtig gedeutet haben.
Auch heute noch gibt es einige, die der alten Theorie nachhängen, wobei sich manch einer sogar auf „das Ausland“ beruft, jedoch anscheinend die Artikel von J Beliën noch nicht kennt. In Belgien und den Niederlanden gibt es genügend Kenner, die – interessanterweise unabhängig von meinen Untersuchungen – zu sehr ähnlichen Ergebnissen gekommen sind.
Im folgenden sollen für andere Erklärungen die schlüssigen Argumente gesammelt, gesichtet und gewertet werden.
Zur Klärung des gesamten Komplexes wurden verschiedene Quellen benutzt:
1. Die „Ursprungsarten“ Kanarengirlitz und Kapuzenzeisig wurden in ihrer Reinform als Bälge im Museum Alexander Koenig (ZFMK) aus Wildfängen untersucht.
2. Vier verschiedene Testverpaarungen sollten den Erbgang erhellen.
3. Natürlich muß auch das Ideal des Standards mit in die Überlegungen einbezogen werden.
Für den ersten Teil kamen verschiedene Tiere des Kanarengirlitzes, Männchen und Weibchen von den Inseln Teneriffa, Gran Canaria, La Palma, den Azoren und Madeira in Betracht. Für den Kapuzenzeisig konnten im Museum Senckenberg (MSF) wenige echte Wildfänge als Balg betrachtet werden und außerdem noch die Vielzahl der nachgezüchteten Kapuzenzeisige.
Welche Merkmale sind nun speziell für den Mosaik Kanarienvogel aufzuführen?
Sehen wir uns den Standard an und zählen weiter auf, welche weiteren Dinge beim Mosaik Kanarienvogel festgestellt werden können.
Der Standard fordert für „mosaik“:
An einigen wenigen, klar umgrenzten Körperarealen zeigen Mosaiken deutliche Fettfarbe. Zwischen diesen Arealen ist ein Maximum an „Kreide“.
Diese Eigenschaften werden durch verschiedene Dinge erreicht. Dazu gehört, daß die Federtextur zum „normalen“ Kanarienvogel stark verlängert/vergrößert ist. Wenn der Mosaik aus dem Nest kommt, ist das Kleingefieder noch fettfarbübersät. Erst mit der ersten Mauser „verliert“ sich die Fettfarbe und das mosaiktypische Erscheinungsbild kommt hervor.
In den Regionen, in denen die Kreidigkeit vorherrscht, hat die Einzelfeder zwar meist noch einen fettfarbhaltigen Kern, gleichzeitig aber einen breiten, weißlichen fettfarbfreien Rand. Dieser wird durch Größenzunahme der Einzelfeder hervorgerufen. Im Vergleich zur Schimmelfeder, erst recht aber zur Intensivfeder hat die Einzelfeder damit flächenmäßig zugenommen. Nur an den Körperpartien, die eine sehr kurze Feder besitzen, ist diese Größenzunahme nicht effizient. Hier kann die vorhandene Fettfarbe ungehindert durchdringen. Diese Stellen sind die für Mosaik bekannten farbig gestalteten Körperteile.
Bleibt hier nun die Frage, woher diese Stellen ihre Farbe erhalten.
Da das Auftreten der ersten Mosaiken mit der Entwicklung des Rotfaktors zusammentraf, vermutete man, daß der Kapuzenzeisig nicht nur seinen Rotfaktor, sondern auch den „Geschlechtsunterschiedfaktor“ mit übertragen hatte. Dem entsprach, daß das Kapuzenzeisigweibchen vordergründig einige der beim Mosaik gesehenen Zeichnungsmerkmale hat.
Dies ist aber nur eine der möglichen Varianten. Um genauere Grundlagen zu erhalten, wenden wir unseren Blick weiter auf die beiden oben genannten „Ursprungsarten“ in ihrer Ursprungsform, dem Kanarengirlitz (Serinus canaria) und dem Kapuzenzeisig (Spinus cucullatus).
Schauen wir uns noch kurz den „Geschlechtsdimorphismus“ an. Viele Arten, hierunter auch der Kapuzenzeisig, haben deutlich unterschiedliche Farb- und Zeichnungsmerkmale im männlichen und weiblichen Geschlecht. Aufgrund vieler Untersuchungen weiß man, daß diese durch Hormonunterschiede hervorherufen werden. Schaltet man z. B. die Eigenproduktion an Hormonen aus und injiziert das entgegengesetzte Sexualhormon, so kann man zumindest die sekundären Geschlechtsmerkmale – hier die Zeichnung – umkehren. Die eigentlichen Gene für die Farben und Zeichnungen liegen auch nicht in den Geschlechtschromosomen, sondern in den Autosomen. Nur deren Steuerung (man spricht hier von epistatischen und hypostatischen Genen) ist über Gene der Geschlechtschromosomen gesteuert. Somit können wir festhalten, daß in beiden Geschlechtern jeweils auch beide genetischen Voraussetzungen vorhanden sind.
Dann müssen wir aber bei der Suche nach dem Ursprung von Merkmalen auch beide Geschlechter in unsere Hypothese einbeziehen.
Vielfach wird angenommen, daß der Kanarengirlitz keinen deutlichen Geschlechtsdimorphismus zeigt.
Allerdings werden die kleineren Merkmale übersehen, die sich im Jahresverlauf wie bei den meisten anderen Girlitzarten zeigen. Bei genauem Hinsehen stellen wir fest, daß auch der Kanarengirlitz dieselben Unterschiede zwischen den Geschlechtern zeigt wie viele andere nahe verwandte Girlitzarten. Männchen zeigen Fettfarbe in der Maske, auf der Brust, im Bürzel und im Flügelbug (= Schulterfedern). Das Großgefieder ist zum Teil gering an den Rändern der Außenfahnen mit Fettfarbe überhaucht.
Innerhalb der Gattung Serinus, zu der ja auch der Kanarienvogel gehört, zeigen alle Arten mit Ausnahme des Rotstirngirlitzes (S. pusillus) im weiblichen Geschlecht dieselben Fettfarbabgrenzungen wie der Moasikkanarienvogel, zum Teil sogar im männlichen Geschlecht die als Typ II beschriebenen Farbmerkmale (S. canicollis, hier speziell der flavivertex-Unterartenkreis). Daher ist die Annahme berechtigt, daß der Geschlechtsdimorphismus in der Gattung Serinus tief verankert ist.
Einen deutlicheren Geschlechtsdimorphismus als beim Kapuzenzeisig kann man wohl kaum erwarten! Das Männchen zeigt bis auf den Kopfbereich (Kapuze) und die Steißgegend eine flächig verteilte Fettfarbe.
Im Gegensatz hierzu hat das Weibchen nur an Flügelbug, im Flügelspiegel (in der Mitte der Handschwingen und etwa 5 bis 8 mm breit), auf der Brust und in den Oberschwanzdecken. Das flächige Schwarz fehlt.
Von allen näher und weiter verwandten Arten der Gattung Spinus gibt es keine Art, deren Geschlechtsdimorphismus alle Merkmale wie bei Mosaikkanarien umfaßt. Im Gegenteil ist der Geschlechtsdimorphismus bei Zeisigen im überwiegenden Teil durch das Vorhandensein, bzw. Abwesendsein von flächigem Schwarz gekennzeichnet. Einige Arten zeigen sogar nur schwache Intensitätsunterschiede, ein paar Arten zeigen fast garkeinen Geschlechtsdimorphismus.
Somit können wir hier annehmen, daß der Geschlechts-Dimorphismus in der Zeisig-Gruppe überwiegend durch das Verhalten der Schwarzverteilung gekennzeichnet ist. Die unterschiedliche Fettfarbverteilung der Geschlechter ist in nur zwei Fällen der des Mosaikkanarien ähnlich, unterscheidet sich aber immer in mindestens einem wesentlichen Teil. So fehlt bei allen Zeisigen der Augenstreif, und es ist nur bei einer Art der Flügelbug farbig.
Zur Klärung des Erbganges wurden eine Reihe von Testverpaarungen vorgenommen.
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1,0 |
x |
0,1 |
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intensiv |
x |
mosaik |
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schimmel |
x |
mosaik |
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mosaik |
x |
intensiv |
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mosaik |
x |
schimmel |
Die Verpaarungen mosaik untereinander, sowie intensiv x schimmel und umgekehrt sind für die weitere Untersuchung nicht aussagefähig, deshalb sind sie auch nicht mit aufgeführt. Die Ergebnisse, wie in Tab. 1 zu sehen, sind verblüffend. Sie entsprechen denen, die von Beliën ebenfalls aufgezeichneten. Dafür aber stehen sie im Gegensatz zu den von anderen vermuteten Ergebnissen, die aber leider nie veröffentlicht wurden.
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0,1\1,0 |
mosaik |
schimmel |
intensiv |
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mosaik
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1,0 schimmel
0,1 mosaik |
1,0 schimmel 1,0 intensiv 0,1 mosaik |
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schimmel
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1,0 schimmel
0,1 mosaik |
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intensiv
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1,0 schimmel 1,0 intensiv 0,1 mosaik |
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Tabelle der Nachzuchtergebnisse der verschiedenen Paarungsmöglichkeiten
In den Testverpaarungen konnte ich feststellen, daß sich der Mosaik-Faktor nicht wie andere klassische Gene verhält und unter dem einfachen Schema dominant/rezessiv erklären läßt. Normalerweise wären nach den bisherigen Theorien aus den Verpaarungen 1 + 2 ausschließlich voll fettfarbige Nachkommen zu erwarten und nur in den Verpaarungen 3 + 4 außerdem auch Mosaik.
Tatsächlich aber sind in allen vier Verpaarungen Nachkommen, die eindeutig Mosaik-Merkmale zeigen. Auf diesen Sachverhalt wies auch bereits W. Kremser (1993, mdl.) seit einiger Zeit hin, es war bislang aber nicht zu erklären, wie es zu diesem Verhalten kommen kann.
Dies führte zu den verwegensten Theorien bei einigen Züchtern. So glaubten einige, einen teildominanten Erbgang vorzufinden, andere wiederum wollten eine Staffelung erkennen, die dem Mosaikfaktor die Ausprägung nur ermöglicht, wenn der Schimmelfaktor gleichzeitig im selben Vogel vereinigt ist.
Gegen die Teildominanz kann man nur vehement widersprechen, denn „ein bißchen Dominanz“ gibt es nicht (schließlich gibt es auch nicht „ein bißchen Schwangerschaft“). Wenn ein Gen nicht dominant (rezessiv sei hier einmal unbeachtet) ist, kann es in seiner Wirkung nur intermediär genannt werden. Gegen die zweite Annahme sprechen klar die in Tab. 1 gezeigten Ergebnisse. Die Zahl der Nachkommen läßt statistisch gesicherte Ergebnisse erwarten, so daß zumindest in den Beispielen 3 + 4 auch normalfarbene Weibchen hätten erscheinen müssen, die aber nicht auftauchten. Die verpaarungsergebnisse lassen sich jedoch ohne weitere Hilfskonstruktion unter dem Begriffspaar „Epistasie/Hypostasie“ und dem (latenten) Vorhandenseins des ‚Mosaik-Faktors’ beim Kanarienvogel als Art (ohne Genintroduktion) erklären. Auf den oben genannten Fachbegriff werde ich in einem gesonderten Artikel näher eingehen, da seine Erläuterung diesen Rahmen sprengen würde.
Die in der Literatur seit Jahrzehnten vermutete Herkunft des Mosaikfaktors über den Kapuzenzeisig muß revidiert werden. Hierfür gibt es eine Vielzahl von Hinweisen und Beweisen, die es in logischer Form zu bewerten gibt.
So ist der hauptsächliche Unterschied zwischen Moaik und z. B. Schimmel nicht nur die Farbverteilung, sondern eine gänzlich andere Federtextur! Der Mosaik hat eine viel weiter ausladende Feder, breiter und „grober“ als die beiden anderen Stufen. Dies ist aber im krassesten Gegensatz zu der Federtextur des Kapuzenzeisigs! Diese ist kurz und schmal, eben wie sie für einene Vogel aus tropischen Regionen typisch und physiologisch sinnvoll ist.
Sollte es tatsächlich der Geschlechtsdimorphismus des Kapuzenzeisigs sein, so müßten die Mosaik-Männchen eine zusammenhängende Fettfarbfläche und außerdem noch die Melaninansammlung im Kopf-Schulter-Bereich zeigen. Dies tun sie aber nun eindeutig nicht!
Beim Kapuzenzeisig-Webchen findet man keinen Augenstreifen, weder vor noch über oder hinter dem Auge. Woher soll dieses eine Merkmal kommen? Sicher hat es nichts mit einer „Kombination“ der beiden GUs beider Ausgangsarten zu tun. Dieser Gedanke ist etwas sehr weit hergeholt und biologisch nicht haltbar.
Bleibt die Behauptung, durch die züchterischen Bemühungen speziell im südlichen Ausland würde die „Kapuzenzeisig-Theorie“ bestätigt, etwas genauer zu betrachten. Hier sollen vielfach die dritte und vierte Rückkreuzung aus Kapuzenzeisigmischlingen die besten Schauvögel sein. Eine solche Aussage halte ich für schwer gefährlich. Wir haben einen Standard, der die Zuchtrichtungen vorgeben soll. Zucht heißt aber, im Rahmen eines klar umgrenzten Genpools die Selektion so zu gestalten, daß das erwünschte Standardbild erreicht wird. Wenn nun eine Standardfestsetzung diejenigen Tiere bevorzugt, die höchstgradig mischerbig sind, darf man nicht mehr von „Zucht“ reden. Solche Vermehrungsformen werden allgemein nur als Gebrauchskreuzungen angesehen. Eine planmäßige, gerichtete und gelenkte Zucht ist dies nicht. Und damit ist eine solche Züchtungspraxis auch nicht mit Bewertung vereinbar.
Nach Aussage einiger Züchter ist die erneute Hereinnahme vom Kapuzenzeisig auch nicht unter dem Aspekt der Mosaik-Verbesserung geschehen, sondern um den Rotanteil zu kräftigen. Wäre die Hereinnahme für den Mosaikfaktor wirklich so positiv, bringt es keinen Sinn, erst die dritte oder vierte Generation anzustreben. Eine Verbesserung müßte schon mit der ersten Generation eintreten. Jede Folgegeneration kann eigentlich die Wirkung nur verwässern (‚verdünnen’). Außerdem blieben hierbei die gelbgrundigen Mosaiken außen vor.
Was bringt nun der Versuch einer Klärung? Zuerst einmal erfahren wir etwas über die Historie eines Faktors, der in den letzten 20 Jahren die Farbenkanarienlandschaft entscheidend beeinflußt hat. Mit der Herkunft können wir aber auch klarer erkennen, welche Forderungen standardmäßig durchführbar sind und welche reine Utopie bleiben. Dies ist ein wichtiger Prozeß. Wenn wir nämlich erkennen, daß bestimmte Forderungen in unserer Ideal-Vorstellung nicht erreichbar sind, sollte man sich Gedanken machen, wie das Ideal abzuwandeln ist und wirklichkeitsnaher gestaltet weren kann.
Zu guter letzt lernen wir hierdurch, eine Farbe oder Rasse erst zu verstehen.
Autor:
Dr. Hans Claßen (DKB-Züchter-Nummer 25 11 33)
Hauptstr. 4
77836 Rheinmünster