Mosaikkanarien und ihre Entstehung
a) Historisches
Mit dem Auftreten von Mosaikhähnen hat die Zucht der Mosaiken allgemein einen großartigen Aufschwung erlebt, so daß es heute möglich ist, ohne nennenswerte Schwierigkeiten in jeder Farbgruppe Mosaiken zu erhalten.
Trotz der raschen Verbreitung aber hat bis heute niemand öffentlich seit Henniger über die Entstehung einmal nachgedacht. Bei Henniger und anderen Autoren heißt es noch, daß der "Geschlechtsunterschied" ein zusätzliches Erbe des Kapuzenzeisigs sei. Dabei führt Henniger auch die geschlechtliche Verschiedenfarbigkeit des reinen Kapuzenzeisigs an.
Im Grunde genommen war dies, und ist es wohl auch noch heute, einleuchtend, nur hat man seit einigen Jahren auch klare Mosaikhähne erzüchtet, deren Fettfarbverteilungsmuster nur unwesentlich von dem der Mosaikweibchen abweicht, sieht man einmal von der auf allen Stellen weitere Ausdehnung der Fettfarbareale ab. Diese Tatsache, daß es Hähne in Mosaik gibt, läßt sich nun nicht mehr mit der Henniger'schen Theorie in Einklang bringen.
Zur Klärung dieses Phänomens können nun verschiedene Wege beschritten werden, die ich im folgenden aufzeichnen möchte.
b) Geschlechtsdimorphismus in den Ursprungsformen heutiger Kanarienvögel
Da der Zeitpunkt der Entstehung von Mosaiken doch ziemlich unerkannt geblieben ist, man erst das fertige Produkt von einer eventuellen genetischen Abänderung und der darauf einsetzenden Selektion vorfand, kann man heute nur versuchen nachzuvollziehen, wenn man in die Ursprungsformen des heutigen Kanarienvogels einschließlich Rotfaktor zurückgeht. So möchte ich einmal versuchen, die beiden Wildformen "Kanariengirlitz" (Serinus canaria) und "Kapuzenzeisig" (Spinus cucullatus) in ihrem Farbmuster zu beschreiben:
Kanarengirlitz
Hahn; von gelblich-grüner Grundfarbe, die erst in der Bauchgegend in Weiß ausläuft; Großgefieder und Rückenzeichnung schwarz mit braunen Säumen;
Henne; zeigt nur über den Augen, auf der Brust, auf Bürzel und an den Flügelbügen gelblich-grün, allerdings nicht so leuchtend wie beim Hahn; Großgefieder und Rückenzeichnung schwarz, die braunen Säume sind stärker ausgeprägt als beim Hahn.
Kapuzenzeisig
Hahn; Grundfarbe rot mit einer schwarzen Kopfzeichnung, die auf dem Rücken bis in den Nacken und auf der Bauchseite bis zur Kehle ausgedehnt ist;
Henne; Grundfarbe grau, rote Fettfarbareale nur auf dem Flügel. Bürzel und auf der Brust.
Was schon alleine aus der Farbbeschreibung der beiden Wildvogelarten hervorgeht ist, daß die Fettfarbverteilung bei Mosaikkanarien nie vom Kapuzenzeisig stammen kann. Doch weshalb sollte man auch derartig vage Hypothesen aufstellen, wenn doch viel näher liegt, daß ein solcher Faktor in den Erbinformationen des Kanarengirlitzes verankert ist? Dieser "Mosaikfaktor" ist zudem nicht nur für den Kanarengirlitz, sondern auch für viele andere Girlitzarten eindeutig zu erkennen! Damit bleibt dann wohl die Frage offen, wieso Henniger zu der Annahme kam, der Kapuzenzeisig sei für das Gen "Mosaik" verantwortlich. Doch auch dies ist schnell erklärt. Zu damaliger Zeit bestand die Farbenkanarienzucht noch nicht in dem heutigen Maße, ihren Platz nahm die reine Gesangskanarienzucht ein. Heute wie damals war die Mehrzahl der Gesangskanarien nur blaßgelb, wobei Weibchen von Natur aus weniger kräftig gefärbt sind. Damit ist der optische Kontrast zwischen dem weißlichen und dem blaßgelben Teil des Gefieders weitestgehend herabgesetzt. Folglich konnten diese "Mosaikweibchen", die es sicher gegeben hat, optisch nicht ausgemacht werden. Weiter kam erschwerend hinzu, daß die Gesangskanarienzüchter der Farbe keinerlei Wert beimaßen. Erst als die rote Fettfarbe sich bei den Kanarien genetisch festigen ließ, konnte man den Farbkontrast erkennen und somit auch das Fettfarbverteilungsmuster sehr gut ausmachen.
c) Die Intensität bzw. Geschtechtsunterschiede und ihre Entstehung
Im vorigen Abschnitt haben wir nun gesehen, daß schon beim wilden Kanariengirlitz ein unterschiedliches Ausfärben bei den Geschlechtern erkennbar ist. Wie ist dies nun möglich, wenn zwei verschiedene Individuen einer Art oder gar Rasse bei gleicher genetischer Information dennoch verschieden ausfärben? Verständlich wird es, wenn beide Möglichkeiten nur in verschiedenen Geschlechtern auftreten. Es ist bekannt, daß Hahn und Henne verschiedene Hormone in unterschiedlichen Konzentrationen in ihrem Blut besitzen. Daß dies von der Jahreszeit und von vielen anderen Faktoren abhängig sein kann, wollen wir hier einmal außer acht lassen. Untersuchungen am Haushuhn haben gezeigt, daß bei einem operativen Eingriff, bei dem die hormonproduzierenden Geschlechtsdrüsen entfernt werden, die Abwesenheit von weiblichen Hormonen die Hennen veranlaßt, "hahnenfedrig" zu werden, d. h., es werden die langen Schwanzfedern, Hahnenkamm usw. ausgebildet. Umgekehrt allerdings funktioniert dies nicht, eine Entfernung der männlichen Geschlechtsorgane bringt zwar auch tiefschneidende Änderungen mit sich, doch verliert der Hahn nicht seine äußeren Geschlechtsmerkmale. Diese verschwinden erst, wenn ihm weibliche Geschtechtshormone direkt eingespritzt werden. Eine Einspritzung von männlichen Hormonen bei der Henne haben nun auch die gleichen Auswirkungen, die bei der Entfernung der Drüsen beschrieben wurden: Hahnenfiedrigkeit tritt auf und die Henne nimmt typische männliche Verhaltensweisen an.
Ähnliche Untersuchungen sind auch bei anderen Vogelarten gemacht worden, so daß man sicher annehmen kann, daß auch beim Kanarienvogel die Zweifarbigkeit der Geschlechter aufgrund der Anwesenheit bzw. der Abwesenheit des männlichen Geschlechtshormons "Testosteron" zustandekommt. Die Bildung dieses Hormons ist also vom Geschlecht des Vogels abhängig, das Geschlecht wiederum ist genetisch fixiert. Dabei besitzt der männliche Vogel zwei X-Chromosomen, der weibliche nur ein X- und ein Y-Chromosom.
Man könnte nun leicht annehmen, daß ein Gen, das die verschiedene Ausfärbung der Geschlechter veranlaßt, direkt in den Geschlechtschromosomen sitzt, doch wäre dazu die viel zu vage Annahme nötig, daß dann ein doppeltes Vorhandensein des Gens (nämlich im männlichen Geschlecht) die Anlagenausbildung hemmt, also nur bei einfachem Vorkommen (im weiblichen Geschlecht - XY -) ausgebildet wird. Viel einfacher ist es anzunehmen, daß die Gene für die Ausfärbung frei vererbt werden, aber von einem übergeordneten Gen, sozusagen als Vorbedingung oder Veranlasser. kontrolliert werden.
In dieser Abhängigkeit fehlt nun noch ein Aspekt, den ich bisher nicht angesprochen habe, die Intensität. Bei der Wildform des Kanariengirlitzes könnte man die Hähne als die lntensivtypen, die Weibchen als die Nichtintensivtypen klassifizieren, wobei natürlich die Variationsmöglichkeiten bei beiden berücksichtigt werden müssen; allerdings gibt es keine so "intensiv" gefärbte Henne und keinen so "nichtintensiv" gefärbten Hahn, daß sich beide Typen überschneiden. Mit der Annahme, daß die Intensität an das Geschlecht (allerdings nicht an die Geschlechtschromosomen!) gekoppelt wäre, wäre natürlich geregelt, daß eine A x A-Verpaarung genauso ausgeschlossen ist wie eine B x B-Verpaarung. Bei der Annahme, daß dies so sei, müßte die Intensität demnach vom Geschlecht (s. o.) oder dessen Hormonen gesteuert werden.
Erst im Laufe der Jahre intensiv betriebener Farbkanarienzucht löste sich das Gen für Intensität mutationell von der Beherrschung geschlechtsbestimmender Hormone, so daß es nunmehr sowohl bei Hähnen als auch bei Hennen auftreten konnte. Als weitere Folge muß dann auch das Gen für "Mosaik" von den Hormonen unabhängig geworden sein, denn nur so ist erklärbar, daß es seit einigen Jahren auch Mosaikhähne gibt.
Daß sowohl die Intensität als auch der Mosaikfaktor einmal vom Geschlecht beherrscht worden ist, kann noch heute jeder Farbkanarienzüchter jederzeit nachvollziehen, denn sowohl bei deIntensiven als auch bei den Mosaiken sind die Hähne etwz, anders ausgefärbt als die Weibchen.
Aus dem oben dargelegten lassen sich aber auch weitere Schlüss ziehen, so z. B., daß auch bei den Mosaiken sowohl Intensivals auch Nichtintensivtypen vorhanden sein müssen. Dies ist ganz leicht aufgrund von Testverpaarungen nachzuweisen.
d) Musterbeschreibung
Nachdem ich nun versucht habe, einmal das Zustandekommen der beiden Faktoren "Intensität" und "mosaik" zu erklären, soll eine Beschreibung dieser Varianten folgen.
Intensität
Bekanntlich gibt es zwei verschiedene lntensitätsstufen, den reinen Intensiven und den Nichtintensiven, die beide standardmäßig anerkannt sind. In der Züchterpraxis kann man allerdings sehr oft eine Reihe von Zwischenstufen erkennen, die in der Züchtersprache als A-B-Tiere bezeichnet werden. Sehr oft sind dies Intensivtypen, die als Fehler noch etwas Schimmel zeigen. Als solche sind sie natürlich für eine Bewertung untauglich, haben aber unter Umständen noch einen züchterischen Wert. Ein Intensiver darf keine einzige Feder mit einem weißen Rand besitzen, um in diesem Punkt den Standardanforderungen z genügen. Als das Gegenteil muß ein Nichtintensiver den Schimmelbelag vollkommen gleichmäßig über den ganzen Körper verteilt aufweisen. Oft kann man speziell bei den Aufgehellten in Rot erkennen, daß jede einzelne Feder einen farbigen Kern mit einem weißen Saum besitzt. Hier ist sowohl eine zu starke Ballung der Fettfarbe wie auch ein Zuviel an Schimmel als fehlerhaft anzusehen.
Mosaik
Ganz im Gegensatz zu den oben beschriebenen Fettfarbverteilungsmuster zeichnet sich ein Mosaikvogel gerade durch die sehr unterschiedlich verteilte Fettfarbe aus. Der "klassische" Mosaikvogel ist wohl das Weibchen, nach neuestem Beschluß nun als "Typ I" bezeichnet. Hier sind nur die Oberaugenstreifen, die Flügelbüge, der Bürzel und ein kleiner Brustfleck mit Fettfarbe gefärbt, das übrige Gefieder darf kein Lipochrom enthalten. Die als ehemalige Hahnenbeschreibung anerkannte Färbung wird heute als "Typ II" bezeichnet. Bei diesem Typ müssen alle oben genannten Anforderungen erfüllt werden, nur bei der Kopfzeichnung werden Konzessionen gemacht, anstelle des Oberaugenstreifens soll eine Maske, vergleichbar der Stieglitzmaske, gezeigt werden.
Praktisch können alle Farbkanarien grundsätzlich in Intensiv- und in Nichtintensivtypen unterschieden werden. Es bereitet auch keine Mühe, den Intensitätsfaktor von einer Farbe auf eine andere zu übertragen, wenn man die Vererbungsmöglichkeiten sowohl des Intensitätsfaktors wie auch der jeweiligen Farbe berücksichtigt. Somit zieht sich der lntensitätsfaktor wie ein roter Faden durch die gesamte Farbkanarienzucht, ja sogar auch durch die Positurkanarienzucht.
Ganz anders sieht es bei den Mosaiken aus. Hier muß dieser Faktor erst auf die jeweilige Farbe übertragen werden, docl theoretisch kann dies auf alle möglichen Farben erfolgen. Eine Schwierigkeit ergibt sich nur dann, wenn z. B. der Mosaikfaktor von einem Schwarzvogel auf einen Achatvogel übertragen werden soll. Da beide Faktoren, Achat und Mosaik, ihren Sitz im X-Chromosom haben, ein Fall von gebundenem Erbgang vorliegt, muß zuerst ein Crossing over ablaufen, damit beide Faktoren voneinander getrennt werden können. In einem solchen Fall ist erst in der zweiten oder gar in der dritten Generation mit Jungtieren zu rechnen, die die gewünschte Neukombination der Faktoren besitzen. In den wenigsten Fällen jedoch wird es notwendig sein, eine gewünschte Farbkombination neu zusammenzustellen denn momentan kann man Mosaiken in den verschiedensten Spielarten wie rotschwarz-, rotachat-, rotachatpastell-, rotisabell-, rotbraunmosaik, dazu mit oder ohne Lipochrompastellfaktor, meianinpastell, opal, phaeo oder satinet, nicht zu vergessen auch in gelbgrundig in den Züchterstuben und auch auf Ausstellungen sehen.
Die Erbgänge der beiden Faktoren "Mosaik" und "Intensität"
Schon seit langem steht fest, daß die Intensität frei dominant vererbt wird. Genau wie die Mutation "Haube" und "Dominant weiß" aber gibt es auch hier keine reinerbigen Intensiven. Dies wurde aufgrund schon früh durchgeführter Verpaarungen von intensiv x intensiv angenommen, da solche Verpaarungen, auch wenn sie mehrere Generationen durchgeführt wurden, immer wieder Nichtintensive hervorbrachten. Diese sind nach dem Zweiten Mendel'schen Gesetz aber nur dann zu erwarten, wenn die Eltern nicht reinerbig sind. Hier möchte ich auf die Abbildung 1, F2 x F2 verweisen. Der Umstand, daß sich alle Intensiven wie die Spalterbigen verhalten, daß also Reinerbige nie auftraten, ließ vermuten, daß es sich auch bei der Intensität um einen Letalfaktor handelt. Tatsächlich aber bringt auch die Nachzucht aus intensiv x intensiv nicht die nach dem Zweiten Mendel'schen Gesetz zu erwartende Prozentzahl (1 : 3), sondern etwa nur 2 : 3. Die geringfügige Verschiebung kann damit zusammenhängen, daß auch die lebensfähigen Intensiven aus einer solchen Verpaarung leichte Schäden mitbekommen haben und daher teilweise anfälliger sind.
Der Faktor für Mosaik liegt nun wie schon oben angedeutet in den X-Chromosomen, er wird daher geschlechtsgebunden rezessiv vererbt. Dies bedeutet, daß der Hahn zwei, die Henne nur ein Gen benötigt, um den Mosaikfaktor auszufärben. Weiter gibt es keine spalterbigen Weibchen, und alle Hähne die spalterbig in mosaik sind, färben normal aus.
Als Besonderheit muß noch hinzugefügt werden, daß eine Verpaarung der sogenannten „Mosaiken alten Typs“ mit den "neuen Typen" bei den Hähnen nicht zu den typischen Formen wie oben beschrieben führt. Dies kann vermutlich nur so erklärt werden, daß die "alten" Typen nicht auf dieselbe Standardqualität gezüchtet worden sind wie es heute bei den "neuen" Typen geschieht. Um nun abschließend ein genaues Bild der Vererbung beider Faktoren geben zu können, ist für beide Faktoren getrennt ein Erbschema beigefügt.
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Die Symbole sind wie folgt verwendet:
UU Hahn, normal, dunkel gezeichnet;
Uu Hahn, spalterbig, normal ausgefärbt, dunkel gezeichnet;
uu Hahn, mosaik, wie "mosaik"-gezeichnet;
U- Weibchen, normal, dunkel gezeichnet:
U- Weibchen, mosaik, wie "mosaik"-gezeichnet;
Ii Intensiv, Hahn wie Henne, dunkel in der Abb. gezeichnet;
ii Nichtintensiv, in der Abb. hell gelassen.
Aus den Abbildungen ist zweierlei ersichtlich: bei Intensiven ist eine Verpaarung der F1 untereinander nicht angebracht, 2. bei Mosaiken sollte kein spalterbiger Hahn zu einer normalfarbenen Henne gesetzt werden, da die Junghähne hieraus im Genotyp nicht zu erkennen sind (spalterbige sehen wie die reinen normalfarbenen aus)!
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