Tiere benötigen Proteine, Fette, Kohlenhydrate, Vitamine und Mineralien für die physiologischen Funktionen und zum Wachstum. Diese Bestandteile werden mit der Nahrung aufgenommen.
Die Nahrung besteht aus komplexen Gebilden, in denen die einzelnen Bestandteile enthalten sein müssen. Bevor jedoch die einzelnen Bestandteile verarbeitet werden können, müssen sie in den Körper gelangen. Dies wird als Nahrungsaufnahme bezeichnet, der die Verdauung folgt. Die dritte Stufe ist die Verwertung: Der Stoffwechsel.
Die meisten Bestandteile sind einzigartig und nur in geringem Maße gegeneinander austauschbar. So können zur Energiegewinnung nicht nur die Kohlenhydrate herangezogen werden, sondern auch die Fette und sogar die Proteine. Allerdings gibt es Unterschiede in der Menge der Energie. Einige Bausteine der Proteine, die Aminosäuren, können aus anderen Stoffen zusammengebaut werden. Vitamine dagegen sind nicht vom Tier selbst zu synthetisieren und müssen wie die Mineralien zum Lebenserhalt genauso zugeführt werden wie die als essentielle Aminosäuren bezeichneten Proteinbestandteile.
Jede Vogelart (wie jedes andere Lebewesen) hat sich über einen langen Zeitraum von mehreren Zehntausend (100.000) Jahren an spezielle Nahrungsangebote angepaßt. Zum Teil ist eine wechselseitige Anpassung entstanden. Diese Anpassung läßt sich für uns heute in der Form des Werkzeuges zur Nahrungsaufnahme, der mechanischen Aufnahme selbst und in der anatomischen Zusammenstellung des Tieres nachvollziehen. In der Stufe Drei (eigentlicher Stoffwechsel) ist dann jedoch wieder sehr viel Gemeinsames zwischen den Vogelarten festzustellen.
Eine ganz besondere Anpassung an die Nahrungsangebote ist die Aufnahme von Nektar, der in den Blüten an besonderen Stellen (Nektarinen) gebildet wird und zum Hauptzweck das Anlocken solcher Tiere hat, die der Pflanze beim Bestäuben helfen.
Unsere Loris wie auch die Fledermauspapageien sind seit früher Zeit als Nektarverzehrer bekannt (Fachausdruck: nektarivor). Bei der Haltung in Menschenobhut sind wir deshalb gezwungen, eine akzeptable Ersatznahrung zu bieten, die weitestgehend natürlich/naturnah, hochgradig verdaubar und ausreichend verwertbar ist. Das Sammeln von Blüten mit vollen Nektarkelchen scheidet somit aus, denn zum einen sind in unseren Breitengraden nur in einem kurzen Zeitraum Blüten vorhanden, zum anderen müßte man für jeden einzelnen Vogel täglich bis zu 3.000 Blüten vorrätig haben.
Gehen wir von der Konsistenz aus:
Nehmen wir diese überwiegend flüssige Ernährung als richtig an, so muß logischerweise der Vogel an einem Tag soviel an gelösten Stoffen zu sich nehmen, um den Lebenserhalt zu sichern und gegebenenfalls auch zur Reproduktion zu schreiten. Nun wissen wir aber alle, daß jede Flüssigkeit nur einen gewissen Anteil an gelösten Stoffen zuläßt, bis der Grad der ‚Sättigung’ einsetzt. Dann wäre die Gesamtmenge zu hoch.
Außerdem hat bereits Schuchmann (wie auch Christensen) nachgewiesen, daß eine reine Ernährung über Nektar nicht möglich ist. Es wären (siehe oben) etwa 3.000 Blüten zu besuchen, um die nötige Energiemenge aufnehmen zu können. Berücksichtigt man dann, daß der Blütenbesuch ja auch Energie kostet (kein Baum hat so viele Blüten gleichzeitig, die Nektar absondern), würde bei einer solchen reinen Nektarernährung kein Lori am Leben bleiben. Die Schlußfolgerung daraus lautet, daß also auch feste Bestandteile zusätzlich aufgenommen werden müssen. Hierzu konnte beobachtet werden, daß einzelne Blütenteile und auch Pollen in der aufgenommenen Nahrung vorhanden waren.
Daraus darf man aber absolut nicht ableiten, daß ein Lori auf Trockennahrung komplett ‚umzustellen’ wäre. Man muß sogar festhalten, daß das ‚Umstellen’ auf reine Trocken- (=Körner) Nahrung klar und deutlich die Belange des Tierschutzes berührt.
Damit ist die Form der Nahrung schon einmal etwas klarer umrissen: Sie muß einen höheren Wasseranteil als feste Nahrung enthalten, in diesem Flüssiganteil müssen die wesentlichen Nährstoffe und Wirkstoffe enthalten sein und ein geringer Prozentsatz muß aus festen Bestandteilen bestehen.
Kommen wir zum Inhalt, wie ihn die Roh- und Feinwertanalyse bestimmt. Hierzu gehört der prozentuale Anteil an Rohprotein, Rohfett, Kohlenhydraten, Rohasche und Rohfaser.
Was ist hierunter zu verstehen?
In dieser Aufstellung sind die Vitamine nicht berücksichtigt, da sie zum einen nur in sehr geringen Mengen vorhanden sind, zum anderen von der Energiebilanz nicht erfaßt werden können. Gerade deshalb gehört zur Futtermittelanalyse der Gehalt an Vitaminen unbedingt hinzu. Vitamine als essentielle Stoffe sind organische Teile, die für Wachstum, Gesundheit und Funktion verantwortlich sind. Die klassische Definition geht davon aus, daß solche Stoffe, die der Körper nicht selbst bilden kann, als Vitamine bezeichnet werden. Deshalb ist die Anzahl der genannten Vitamine zwischen den einzelnen Tierarten unterschiedlich. Die Ascorbinsäure z. B. muß als Vitamin C beim Menschen und bei Meerschweinchen lebenswichtig in der Nahrung vorhanden sein, die meisten anderen Tierarten, so auch die Vögel, können diesen Stoff synthetisieren. Somit ist Vitamin C nicht unbedingt als ‚Vitamin’ beim Vogel anzusehen, wenn auch dessen Wirkung und Unverzichtbarkeit im Stoffwechsel bleibt.
Vitamine greifen vielfach in den Stoffwechsel ein, ermöglichen wie beim Vitamin D erst die Aufnahme von Mineralien oder beteiligen sich als Co-Enzyme oder Bestandteile der Enzyme am Stoffwechsel. Ihr Gesamtgehalt muß aufeinander abgestimmt sein. Zum einen ist erst dadurch die optimale Funktion gewährleistet, zum anderen können Vitamine bei der Aufnahme gegeneinander konkurrieren. Ihre Unterteilung ist klassisch in fettlösliche und wasserlösliche vorzunehmen. Dieses verhalten bedingt auch deren Verfügbarkeit. Fettlösliche z. B. werden bei Überangebot im Körper gespeichert, die wasserlöslichen können nur in sehr geringem Umfang eingelagert werden und müssen deshalb notwendigerweise täglich zur Verfügung stehen, da der nicht genutzte Teil wieder ausgeschieden wird. Fettlösliche Vitamine werden bei langzeitigem Überangebot bis zur toxischen Grenze gespeichert (Hypervitaminose). Somit ist der Anteil an fettlöslichen Vitaminen wesentlich genauer zu kalkulieren als der der wasserlöslichen. Für die fettlöslichen gibt es deshalb auch genaue Formulierungen, wenn en um die Qualität von Futtermitteln geht.
Wir benötigen zur Formulierung folgende Einzelbestandteile:
Bei der Rohstoffauswahl ist dabei immer zu bedenken, daß es Stoffe gibt, die für viele Lebewesen unbedenklich sind, beim Vogel jedoch schädliche Wirkung haben. Hier möchte ich stellvertretend den Milchzucker (Laktose) nennen.
Formulierungen für Futtermittel sind deshalb als sehr komplex anzusehen. Ihre Zusammensetzung ist zumeist prozentual angegeben. Wenn ich also den Proteingehalt erhöhen will, geht das logischerweise auf Kosten von Kohlenhydraten oder den Fetten. Das fordert eine akribische Suche nach geeigneten Rohstoffen, die zum Einsatz kommen können. Diese sollen hier nicht in allen Einzelheiten aufgeführt werden.
Vorweg ist noch eine wichtige Frage zu klären: Wieviel Nahrung nimmt durchschnittlich ein Lori auf? Nach neueren Schätzungen beträgt die Menge in etwa der des Körpergewichtes. Damit können wir nun kalkulieren, daß z. B. ein kleiner Lori mit 40 g KG etwa 40 ml flüssige Nahrung täglich aufnimmt. Diese 40 ml müssen somit genau die Menge an den oben genannten Stoffen enthalten. Ein Zuviel an Wasser (z. B. weil die Inhalte nur ungenügend sind) führt somit zu unregelmäßigen und unnatürlichen Verdauungen. Ein Zuwenig kann umgekehrt mangelnde Darmfunktion zur Folge haben.
Zum Glück sind wir (zumindest in der Überzahl) von der Verwendung der Babynahrung weg. Allerdings entsprechen noch lange nicht alle angebotenen Rezepturen den tatsächlichen Bedürfnissen unserer Loris. ‚Langjährige Erfahrung’ kann nicht das Maß für die optimale Nahrungszusammensetzung sein. Vergleicht man die einzelnen kursierenden Rezepturen, so sieht man schnell deren Schwachpunkte. Beim einen ist so gut wie kein Rohfett enthalten, beim anderen ist der Proteinanteil deutlich zu niedrig, beim dritten ist der Kohlenhydratanteil bedenklich hoch. Wo die meisten Rezepturvorschläge kranken, ist der Gehalt an Vitaminen und Mineralien. Überwiegend wird von irgendeiner Quelle ein Multivitamin einbezogen, das sicher nicht die Bedarfszahlen wiedergibt.
Was ist die Folge? Ohne daß wir es bemerken, sind viele der gehaltenen Loris verfettet und zeigen Mangelfunktionen z. B. bei der Reproduktion.
Sicher kenne ich die vielen Argumente, die immer wieder zu hören sind: „Mein/e Lori/s leben im Schnitt 10 Jahre und mehr. Kann da die Fütterung schlecht sein?“ Nun: Vieles spricht hier nur für die außerordentlich hohe Belastbarkeit der Tiere, aber nur weniges spricht für die Qualität des Futters! Sicher ist auch das beste verfügbare Futter noch zu optimieren, doch werden zur Zeit neue Studien durchgeführt, die zum einen die Gehalte der natürlichen Nahrungsquellen und zum anderen im Labor ermittelte Grundwerte einbeziehen. Die ersten Ergebnisse werden wir bis zum Jahresende vorweisen können.
Grundsätzlich gehören zur Loriernährung nicht nur der allbekannte Brei, sondern auch bis zu 20 % Trockenfutter (spezielle) und klares Trinkwasser.
Was zum Schluß noch zu betrachten ist, ist der Wechsel im Angebot des Futters. So benötigt ein Lori zum reinen Erhalt der Grundfunktionen in seiner Ruhephase natürlich weniger Protein als bei der Brut oder bei der Mauser. Deshalb ist zu diesen Phasen mit erhöhtem Bedarf die Grundrezeptur durch Proteinergänzungen aufzuwerten.